Landwirtschaft & Nachhaltigkeit

Alm, Alpe, Bergmahd – und was davon wirklich über der Waldgrenze liegt

Drei Begriffe, die ständig durcheinandergehen. Zwei davon meinen dasselbe, der dritte etwas völlig anderes – und die verbreitetste Erklärung von allen ist schlicht falsch.

01 · Der Irrtum

„Eine Alm liegt über der Waldgrenze" – das stimmt nicht

Dieser Satz steht in unzähligen Reiseführern, und er ist falsch. Keine der österreichischen Rechtsdefinitionen bindet die Alm an die Waldgrenze. Sie stellen auf etwas ganz anderes ab: auf die Entfernung zum Heimgut, auf die Höhenlage und auf die dadurch verkürzte Vegetationsperiode. Eine Alm ist eine Fläche, die weit weg vom Hof liegt, hoch genug für einen kurzen Sommer – und deshalb nur saisonal beweidet wird.

Österreichische Almen reichen von rund 600 bis über 2.400 Meter Seehöhe. Ein großer Teil davon liegt mitten im Wald oder an seinem Rand. Das Forstgesetz kennt dafür einen eigenen Paragrafen – die Waldweide. Weide im Wald ist also kein Sonderfall, sondern ein regulärer Bestandteil vieler Almen.

Warum das nicht egal ist: Wer glaubt, Alm bedeute baumfreie Höhe, versteht nicht, warum das Zuwachsen ein Problem ist. Genau weil viele Almflächen im Waldgürtel liegen, holt sich der Wald sie zurück, sobald niemand mehr schwendet. Und die Latsche – die Legföhre – zählt forstlich als Wald. Eine zugewachsene Weide wechselt rechtlich die Kategorie, auch wenn dort nie ein Baum stand, den man als solchen erkennt.

02 · Dasselbe, andere Sprache

Alm und Alpe – ein Dialektunterschied, kein Sachunterschied

Wer „Alm" sagt und wer „Alpe" sagt, meint exakt dieselbe Sache. Die Grenze verläuft entlang der Dialekträume, nicht entlang der Landesgrenzen.

Alm

Bairischer Raum

Österreich ohne Vorarlberg und Außerfern, Altbayern – und Südtirol. Die Seiser Alm heißt nicht zufällig so.

Alpe / Alp

Alemannischer Raum

Vorarlberg, Allgäu, Schweiz. Dort heißt es Alpwirtschaft und Alpabzug, französisch alpage.

Maiensäss

Die mittlere Stufe

Graubünden, Wallis, Tessin – in Vorarlberg und Westtirol das Vorsäss. Rund 1.200 bis 1.600 m, unterhalb der Waldgrenze, Frühjahr und Herbst.

Das Maiensäss ist der beste Beleg dafür, dass die Waldgrenze nichts mit der Sache zu tun hat: Es liegt ausdrücklich darunter, hat eigene Gebäude und ist trotzdem fester Teil derselben Wirtschaftsweise – der Dreistufenwirtschaft, die Tal, Mittelstufe und Alm über das Jahr verbindet.

03 · Die Höhenstufen

Niederalm, Mittelalm, Hochalm

Die fachliche Gliederung geht nach Seehöhe – und mit ihr geht die Zahl der Weidetage nach unten. Auf einer Niederalm kann das Vieh über 120 Tage bleiben, auf einer Hochalm über 2.000 Metern sind es unter 75. Das ist keine Feinheit für Statistiker: Die Alpungsdauer entscheidet darüber, wie viel Futter ein Betrieb im Tal einsparen kann und ob sich die Alm überhaupt rechnet.

Deshalb wandern die Herden im Sommer. Zuerst werden die tiefen Lagen beweidet, im Juli die Hochlagen, im Spätsommer geht es wieder abwärts – und dann rechtzeitig ins Tal. Die Fördervorgabe verlangt mindestens sechzig Tage Bestoßung, damit eine Fläche überhaupt als bewirtschaftete Alm gilt.

04 · Die dritte Sache

Die Bergmahd wird nicht beweidet – sie wird gemäht

Hier hört die Verwandtschaft auf. Bergmähder sind steile, hochgelegene Wiesen, die für den Winter gemäht werden. Kein Vieh, kein Zaun, keine Hütte – nur Heu. Traditionell mit der Sense und mit Fußeisen an den Schuhen, heute meist mit dem Motormäher, weil ein Traktor dort schlicht nicht hinkommt oder umfallen würde.

Die Regeln dafür sind erstaunlich genau. In der österreichischen Agrarumweltmaßnahme muss mehr als die Hälfte der Fläche über 1.200 Metern liegen. Gemäht wird höchstens einmal im Jahr und mindestens jedes zweite Jahr, das Mähgut muss abtransportiert werden, gedüngt wird nicht – außer mit Festmist. Beweidung ist verboten, eine Nachweide ist erst ab dem 16. August erlaubt. Je nach Erschwernis liegt die Abgeltung zwischen 200 und 750 Euro je Hektar.

Rechne das gegen den Aufwand: eine Steilwiese mähen, das Heu zusammenrechen, es abtransportieren, oft ohne Weg, oft in Handarbeit, an einem Hang, auf dem man sich anhalten muss. Für 200 bis 750 Euro je Hektar. Bergmähder werden nicht bewirtschaftet, weil es sich rechnet. Sie werden bewirtschaftet, weil man es tut.

Und weil ohne diese Arbeit in wenigen Jahrzehnten Grünerle, Latsche und Zwergstrauch stehen, wo heute die Aussicht ist, die du auf dem Foto hast.

05 · Was daran hängt

Was passiert, wenn niemand mehr mäht

Auf den Pockhorner Bergmähdern im Nationalpark Hohe Tauern läuft seit Jahren ein Monitoring. Dort wurden 208 Gefäßpflanzenarten und 128 Bestäuberarten gezählt, auf einem Quadrat von fünf mal fünf Metern zwischen 44 und 48 Arten. Auf den Brachen, wo nicht mehr gemäht wird, sind es rund ein Viertel weniger – und das Blütenangebot geht fast doppelt so stark zurück wie die Artenzahl selbst.

Ein Detail, das dieselbe Untersuchung liefert und das man selten liest: Die höchsten Artenzahlen standen nicht auf den einmähdigen Flächen, sondern auf den zweimähdigen – dort waren es 58 bis 61 Arten. „Je extensiver, desto artenreicher" ist also zu einfach. Belegt ist etwas anderes und Wichtigeres: Mahd erhält, Nutzungsaufgabe verarmt.

Das ist der Grund, warum die Rubrik so heißt, wie sie heißt. Die Landschaft, wegen der du heraufkommst, ist ein Ergebnis von Arbeit, nicht von Unberührtheit. Sie hält so lange, wie es Betriebe gibt, die sie machen.

Wenn du bei uns buchst, buchst du bei einem dieser Betriebe – oder bei jemandem, der neben so einem wohnt und weiß, was dort passiert.

Noch einmal kurz

Häufige Fragen

Ist eine Alpe etwas anderes als eine Alm?

Nein, es ist dasselbe. „Alm" sagt man in Österreich, Bayern und Südtirol, „Alpe" oder „Alp" in Vorarlberg, im Allgäu und in der Schweiz. Ein Sachunterschied steckt nicht dahinter, nur ein Dialektunterschied.

Liegen Almen immer über der Baumgrenze?

Nein. Almen reichen von rund 600 bis über 2.400 Meter. Nieder- und Mittelalmen liegen mitten im Waldgürtel, und Weide im Wald ist im Forstgesetz ausdrücklich geregelt. Die Definition hängt an Entfernung, Höhenlage und kurzer Vegetationsperiode, nicht an Bäumen.

Was ist der Unterschied zwischen Bergmahd und Maiensäss?

Eine Bergmahd ist eine reine Mähfläche ohne Vieh und ohne Gebäude. Ein Maiensäss oder Vorsäss ist die bebaute mittlere Stufe zwischen Tal und Alm, die im Frühjahr und Herbst beweidet wird. Beides gehört zur selben Wirtschaftsweise, ist aber nicht dasselbe.

Darf ich über eine Bergmahd gehen?

Auf dem Weg ja. Eine Bergmahd ist eine Futterfläche – wer quer durchgeht, tritt Heu nieder, das jemand von Hand geerntet hätte. Das sieht man dem Hang nicht an, dem Bauern schon.

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Du bewirtschaftest eine Alm, eine Alpe oder Bergmähder?

Dann kennst du den Unterschied ohnehin. Wir erklären ihn deinen Gästen, damit sie wissen, wo sie gerade unterwegs sind.