Weniger Lahmheiten
Weicher Untergrund und Bewegung über den Tag. In den Vergleichsgruppen ohne Weide gab es durchgehend mehr lahmende Kühe.
Rinder auf einer Koppel sehen aus wie der Inbegriff von Selbstverständlichkeit. In Wahrheit ist Weide die anspruchsvollste Art, Tiere zu halten – und die einzige, bei der die Fläche etwas zurückbekommt.
Wenn von Weide die Rede ist, denken die meisten sofort an die Alm. Die ist aber nur die oberste von drei Stufen. Unten am Hof liegt die Heimweide – die Koppel gleich hinterm Stall, auf der die Kühe zwischen den Melkzeiten stehen. Darüber, in vielen Tälern, die Zwischenstufe: das Vorsäss in Vorarlberg, das Maiensäss in Graubünden und im Wallis, Flächen auf etwa 1.200 bis 1.600 Metern, die im Frühjahr und im Herbst genutzt werden. Und erst dann kommt die Alm.
Diese Staffelung hat einen nüchternen Grund: Das Gras wächst nicht überall gleichzeitig. Wer die Tiere im Saisonverlauf von unten nach oben und im Spätsommer wieder abwärts führt, trifft jede Fläche in dem Moment, in dem sie am besten ist. Fachlich heißt das Staffelweide. Praktisch heißt es: Der Betrieb bringt mit derselben Fläche mehr Tiere durch – und keine davon steht den Sommer über im Stall.
Deshalb ist Weidegang keine Almgeschichte, sondern eine Frage der Betriebsführung. Ein Hof im Tal, der seine Kühe täglich hinauslässt, macht dasselbe richtig wie eine Alm auf 1.900 Metern.
Zum Weidegang gibt es belastbare Zahlen, nicht nur Gefühl. Die Untersuchungen des Thünen-Instituts und die niedersächsische Erhebung „Systemanalyse Milch" mit rund sechzig Betrieben zeigen dasselbe Bild: Auf weichem Boden gibt es weniger Lahmheiten und weniger Klauenerkrankungen, die Tiere sind sauberer und haben dadurch seltener Euter- und Gebärmutterentzündungen, sie liegen länger, gehen einander weniger an und sterben seltener vorzeitig als bei ganzjähriger Stallhaltung.
Weicher Untergrund und Bewegung über den Tag. In den Vergleichsgruppen ohne Weide gab es durchgehend mehr lahmende Kühe.
Wer nicht im Eigenen liegt, bringt weniger Keime mit. Das schlägt direkt auf die Eutergesundheit durch.
Auf der Fläche kann jedes Tier ausweichen. Rangkämpfe und Verdrängung nehmen ab, die Liegezeiten steigen.
Und jetzt der ehrliche Teil. Weide ist kein Schalter, den man umlegt. In der größten der Studien – 124 Biobetriebe über vier Jahre – ließen sich die Unterschiede nur bedingt dem Weidegang allein zuschreiben. Wo die Ergänzungsfütterung nicht passte, waren die Vorteile wieder weg. Dazu kommt: Weidekühe geben oft weniger Milch als Kühe, die ganzjährig im Stall stehen, sie kommen leichter in eine negative Energiebilanz, und Magen-Darm-Würmer, Lungenwurm und Leberegel sind auf der Weide ein Thema, im Stall nicht. Hitze ist inzwischen das dritte.
Weidegang ist also gute Praxis – aber nur zusammen mit passender Zufütterung, einem Parasitenmanagement und Schatten. Wer das kann, hat gesündere Tiere. Wer es nicht kann, hat Kühe auf einer Wiese und sonst nichts gewonnen. Genau das unterscheidet einen Betrieb, der Weide führt, von einem, der Tiere hinauslässt.
Eine gemähte Wiese ist überall gleich hoch. Eine beweidete nicht: Die Tiere fressen selektiv, treten Lücken, lassen anderes stehen. Was aus der Ferne unordentlich aussieht, ist der eigentliche Punkt – aus dieser Ungleichheit entsteht Lebensraum in mehreren Etagen gleichzeitig. In einem viel zitierten Vergleich standen auf ausschließlich beweidetem Grünland gut zweihundert Arten gegen etwa hundertzwanzig auf gemähtem. Beweidung ersetzt die Mahd nicht, aber sie kann, was die Mahd nicht kann.
Der Effekt hängt allerdings vollständig am Maß. Zu wenig Vieh, und die Fläche vergreist: Die Tiere suchen sich das Beste heraus, der Rest wächst durch, Rasenschmiele, Borstgras, Ampfer und Disteln setzen sich fest. Zu viel Vieh, und die Narbe reißt auf, es bleiben Kahlstellen und die typischen Trittzeiger – Wegerich, Gänseblümchen, Löwenzahn. Und rund um jeden Kuhfladen entsteht eine Geilstelle, die kein Tier mehr anrührt und die ohne Nachmahd jahrelang bleibt.
Es hält sich hartnäckig, dass leichte Tiere den Boden schonen und schwere ihn ruinieren. Die Zahlen sagen etwas anderes. Ein stehendes Rind bringt rund ein Kilogramm pro Quadratzentimeter auf den Boden, ein laufendes bis zu vier – mehr als die meisten Landmaschinen. Schafe verdichten trotz spitzer Klauen kaum. So weit stimmt das Bild.
Nur: Schafe beißen sehr tief ab und sammeln sich auf Graten, Kuppen und Lagerplätzen. Genau dort wirken Verbiss, Tritt und Nährstoffeintrag zusammen, und genau dort reißt es auf. Eine Schweizer Auswertung von neun Schafalpen über zwanzig Jahre kam sogar zum Ergebnis, dass Schneegleiten als Erosionsfaktor die Beweidung deutlich übertrifft und der Wechsel von der Stand- auf die Umtriebsweide nur punktuell etwas gebracht hat.
Was tatsächlich zählt: wie viele Tiere wie lange auf derselben Fläche stehen. Kurz und dicht schlägt lang und dünn, weil kurze Belegung die Selektion begrenzt. Und auf großen, unübersichtlichen Almen ist die Behirtung der entscheidende Hebel überhaupt – ohne Hirtin oder Hirten verteilen sich die Tiere nicht, sie überweiden die bequemen Lagen und lassen den Rest zuwachsen. Die schwersten Erosionsschäden auf österreichischen Almen stammen nicht von zu schweren Tieren, sondern von der hirtenlosen Sömmerung.
Höchster Futteranspruch, deshalb die flacheren, hüttennahen Weiden.
Galtkühe, weibliches Jungvieh und Ochsen weiden nach – sie holen, was stehen blieb.
Flächen, auf die kein Rind mehr sinnvoll geht. Mit passender Dichte und Aufsicht.
Wird zu spät aufgetrieben, ist das Gras stängelig, schlecht verdaulich, und die Tiere fressen es nur widerwillig ab – die Fläche wird dann auch schlechter gepflegt. Wird zu früh aufgetrieben, steht das Vieh auf wassergesättigtem Boden, und jeder Tritt hinterlässt eine Wunde, die den ganzen Sommer bleibt.
Die Antwort liegt dazwischen: aufgetrieben wird, wenn der Aufwuchs zehn bis fünfzehn Zentimeter erreicht hat und der Boden abgetrocknet ist. Die alte Faustregel dazu ist schöner als jede Kennzahl – beim Almauftrieb soll ein Drittel der Alm grün sein, ein Drittel braun und ein Drittel noch weiß.
Vor dem Auftrieb liegen mindestens drei Wochen Übergangsfütterung, damit der Pansen sich umstellen kann, dazu Klauenpflege und die Parasitenbehandlung. Die Alm beginnt nicht am Tag des Auftriebs.
Der Geschmack ist das Offensichtliche. Tiere, die über den Sommer Kräuter von verschiedenen Höhenlagen fressen, geben eine Milch, aus der ein anderer Käse wird als aus Silomilch. Das ist kein Marketingsatz, das schmeckt man. Almkäse gilt lebensmittelrechtlich übrigens noch als Urprodukt – er darf direkt ab Hof und ab Alm verkauft werden.
Das Zweite siehst du auf jeder Wanderung, wenn du weißt, worauf du schaust: eine Fläche mit kurzem, dichtem Bewuchs und trotzdem Blüten bis in den Spätsommer, ohne Kahlstellen und ohne kniehohes Altgras. Das ist keine unberührte Natur. Das ist eine Fläche, auf der jemand die Dichte im Griff hat.
Wenn du bei uns eine Hütte, ein Ferienhaus oder eine Ferienwohnung an einem Betrieb mit Weidehaltung buchst, bist du Teil dieser Rechnung. Die Vermietung trägt mit, was die Weideführung kostet – Zäune, Behirtung, Nachmahd, Arbeitszeit. Kaufst du unten am Hof ein, schließt sich der Kreis noch enger.
Bei jedem Gastgeber steht dabei, ob es Tiere am Hof gibt und ob du dort Produkte bekommst. Wenn etwas nicht angeboten wird, steht das auch dabei.
In den vorliegenden Untersuchungen ja – weniger Lahmheiten, weniger Euterentzündungen, längere Liegezeiten, geringere Sterblichkeit. Der Effekt hängt aber am Management: Ohne passende Zufütterung und ohne Parasitenbehandlung verschwindet er wieder. Weide allein macht keine gesunde Herde.
Meistens ja, gegenüber ganzjähriger Stallhaltung. Das ist einer der Gründe, warum Weidehaltung eine Entscheidung ist und kein Selbstläufer – der Betrieb nimmt Leistung zurück und bekommt dafür Tiergesundheit, Futter von Flächen, die sonst niemand nutzen könnte, und eine Milch mit anderem Geschmack.
Bei passender Besatzdichte nicht – im Gegenteil, ohne Beweidung verarmt die Fläche und wächst zu. Schaden entsteht bei zu vielen Tieren auf zu kleiner Fläche, bei zu frühem Auftrieb auf nassem Boden und dort, wo sich die Tiere unbeaufsichtigt auf den bequemen Lagen sammeln.
Schafe kommen dort hin, wo ein Rind nicht mehr sinnvoll geht, und bilden weniger Trittterrassen. Sie sind aber kein Freibrief: Schafe beißen tief ab und sammeln sich auf Graten und Lagerplätzen, wo dann Erosion entsteht. Entscheidend bleibt die Dichte und die Verteilung der Tiere, nicht ihr Gewicht.
Dann kennst du den Aufwand hinter dem Satz „die stehen ja nur draußen". Wir schreiben das so auf, dass deine Gäste es verstehen – und schauen uns vorher an, wie dein Jahr läuft.