Der Sommer war gut
Kränze, Glocken, Spiegel und Bänder. Alle Tiere kommen gesund zurück.
Kränze, Glocken, ein halbes Dorf am Straßenrand. Was aussieht wie Folklore, ist zuerst eine Notwendigkeit – und der Schmuck darauf ist eine Nachricht, die man lesen kann.
Oben wird es kalt, und das Gras kommt nicht mehr nach. Auf einer Hochalm über 2.000 Metern bleiben unter 75 Weidetage im Jahr, dann ist es vorbei – nicht, weil jemand ein Datum gesetzt hat, sondern weil die Vegetationsperiode endet. Wer zu lange oben bleibt, riskiert Wettereinbrüche, verletzte Tiere und eine überweidete Fläche, die im nächsten Frühjahr schlechter startet.
Der Abtrieb ist also zuerst eine Verlagerung: Die Tiere kommen zurück ins Tal, in den Stall oder auf die Herbstweide, dorthin, wo das Winterfutter liegt, das über den Sommer eingebracht wurde. Gleichzeitig endet oben die Käse- und Butterproduktion. Was die Sennerin oder der Senner über den Sommer gemacht hat, kommt mit hinunter.
Und dann wird die Alm zugesperrt: Wasser abgestellt, Leitungen entleert, Zäune abgebaut, die Hütte winterfest gemacht. Der Abtrieb ist der letzte Arbeitstag einer Saison, nicht ihr Auftakt.
Das ist der Kern der ganzen Sache, und er wird an den Straßenrändern selten erzählt. Der Kopfschmuck aus Blumen, Zweigen, Spiegeln und Bändern ist kein Dekor für Zuschauer, sondern eine Aussage: Der Almsommer ist ohne Unfall und ohne Verlust vergangen, alle Tiere kommen gesund zurück. Das Aufkranzen ist Ausdruck der Dankbarkeit dafür.
Ist ein Tier abgestürzt, an einer Krankheit eingegangen oder ist jemandem auf der Alm etwas zugestoßen, wird nicht aufgekranzt. Wie das genau aussieht, ist regional verschieden: Manche Herden kommen völlig schmucklos herunter, anderswo tragen die Tiere Trauerfarben, wieder anderswo bleibt nur die Leitkuh schlicht. Gemeinsam ist allen Varianten dasselbe – man sieht einer Herde von weitem an, wie ihr Sommer war.
Kränze, Glocken, Spiegel und Bänder. Alle Tiere kommen gesund zurück.
Kein Kranz, keine Musik, kein Fest. Wenn du das erlebst: leise sein, nicht fragen, warum heute nichts los ist.
Im Nebel und im unwegsamen Gelände findet man eine Herde am schnellsten über das Gehör. Die großen Schellen kommen zum Abtrieb dazu.
Der Abtrieb ist eine Welle, die über sechs bis acht Wochen läuft. Auf Hochalmen wird teilweise schon ab Mitte August abgetrieben, still und ohne Publikum, weil das Futter ausgeht. Die Abtriebe, die als Veranstaltung angekündigt sind, liegen überwiegend zwischen Anfang September und Anfang Oktober – in Tirol häufig an den Samstagen um den 12., 19. und 26. September, einzelne bis in den Oktober hinein.
Ein fixes Datum gibt es nicht, weil es keins geben kann. Ein früher Kälteeinbruch zieht den Termin vor, ein milder September schiebt ihn nach hinten. Wer wegen des Almabtriebs anreist, sollte deshalb nicht auf ein Datum buchen, sondern auf ein Wochenende – und die Termine kurz vorher beim Tourismusverband oder direkt beim Gastgeber nachfragen.
Der Unterschied, den kaum jemand kennt: Der stille Abtrieb einer Hochalm Mitte August und das angekündigte Fest Ende September sind beide echt. Das eine ist Arbeit ohne Zuschauer, das andere Arbeit mit. Kein Betrieb kranzt auf, um Gäste anzulocken. Dass Gäste kommen, ist eine Folge, kein Zweck.
Man liest gern Jahreszahlen dazu, und wir schreiben hier bewusst keine hin. Der geschmückte Heimtrieb ist alt, das steht außer Frage – aber ein sauberer Erstbeleg lässt sich nicht so eindeutig festmachen, wie es in vielen Texten klingt. Und die Form, in der du ihn heute erlebst, mit Markt, Musik und Absperrgittern, ist deutlich jünger als der Brauch selbst.
Das macht ihn nicht unecht. Ein Brauch, der sich nicht verändert, ist ein Museum. Der Kern – aufkranzen, wenn der Sommer gut war, und es lassen, wenn er es nicht war – hat sich gehalten, obwohl heute Hunderte zusehen. Genau daran erkennt man, dass es kein Schauspiel ist: Ein Schauspiel würde in jedem Fall aufkranzen.
Was es zusätzlich geworden ist, sagen wir auch: ein Wirtschaftsfaktor. Für viele Gemeinden ist der Abtrieb einer der stärksten Tage im Herbst, und die Standeinnahmen finanzieren mit, was sonst schwer zu finanzieren wäre. Beides gleichzeitig ist möglich.
Eine Herde, die nach vier Monaten Alm ins Tal kommt, ist aufgeregt. Sie geht durch Ortschaften, an Autos vorbei, zwischen Menschen hindurch. Die Leute, die nebenher gehen, arbeiten gerade – das ist der anstrengendste Teil des Tages, nicht der gemütlichste.
Am schönsten ist es ohnehin abseits der großen Termine. Wenn du bei einem Betrieb wohnst, der selbst auftreibt, erlebst du den Abtrieb von der anderen Seite: ohne Absperrgitter, ohne Musikkapelle, dafür mit den Leuten, die ihn machen. Frag deinen Gastgeber, ob und wann er abtreibt.
Und plane die Tage danach ein. September und Oktober sind oben die klarste Zeit des Jahres, ab etwa 1.700 Metern färben sich die Lärchen innerhalb von zwei Wochen golden.
Auf Hochalmen teilweise schon ab Mitte August, die angekündigten Feste überwiegend zwischen Anfang September und Anfang Oktober. In Tirol liegen viele an den Samstagen um den 12., 19. und 26. September. Ein fixes Datum gibt es nicht – das Wetter entscheidet.
Weil im Almsommer etwas passiert ist – ein Tier abgestürzt, verendet, oder ein Unglück auf der Alm. Dann bleibt der Kranz weg. Je nach Region kommt die Herde ganz schmucklos herunter oder trägt Trauerfarben. Wenn du das siehst: nicht nachfragen, warum heute nichts los ist.
Die Glocke ist auf der Alm Arbeitsgerät – ohne sie findet man eine Herde im Nebel kaum. Die großen Schellen zum Abtrieb sind Festschmuck und hängen nur an diesem einen Tag. Gute Praxis ist, sie abzunehmen, wenn sie nicht gebraucht werden; darüber wird auch in der Landwirtschaft diskutiert.
Der Abtrieb selbst ist Arbeit und findet auch dort statt, wo niemand zusieht. Die Festform mit Markt und Musik ist jünger und hat einen touristischen Anteil, keine Frage. Der Kern ist trotzdem echt: Aufgekranzt wird nur nach einem guten Sommer – ein Schauspiel würde das nie durchhalten.
Dann weißt du, dass der schönste Tag des Jahres auch der längste ist. Wir geben deinen Gästen vorher mit, wie sie sich verhalten – damit dir niemand in die Herde läuft.